Interview: Charlotte Erpenbeck (Machandel Verlag)

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Als Autorin des Machandel Verlages möchte ich euch auch einen kleinen Einblick hinter die Kulissen gewähren. Die Verlegerin Charlotte Erpenbeck war so nett, mir dabei zu helfen.

HBK: Hallo, Charlotte. Noch einmal herzlichen Dank, dass du dir Zeit genommen hast. Bitte stell dich doch kurz vor.
CE: Bücher verlege ich im Nebenberuf, wie vermutlich die meisten Inhaber von Kleinverlagen. Im Hauptberuf bin ich Apothekerin, in der sechsten Apotheker-Generation meiner Familie, und habe eine Tochter, die Pharmazie studiert, vermutlich als siebte Generation nach mir die Apotheke weiterführen wird und auf die ich fürchterlich stolz bin.

Ansonsten – ich bin bekennende Büchernärrin, Katzenfreundin und Giftpflanzensammlerin. Am lebenden Beispiel lassen sich diese gefährlichen Schönheiten nun mal am besten identifizieren, wenn Eltern mit unbekannten Blüten und Früchten zu mir in die Apotheke kommen und wissen wollen, ob ihre Kinder das gefahrlos verfrühstücken dürfen.

HBK: Eine Frage, die du sicher häufiger gestellt bekommst: Woher kommt der Name Machandel und wieso hast du dich ausgerechnet dafür entschieden?
CE: Ursprünglich sollte der Verlag Wacholder-Verlag heißen, nach dem großen Wacholderhain nahe meiner Heimatstadt Haselünne. Eine kurze Recherche im Internet ergab leider, dass es bereits einen Wacholder-Verlag gab. Da bin ich auf die plattdeutsche Variante ausgewichen, frei nach dem Märchen von dem Machandelboom der Brüder Grimm, das mich schon als Kind fasziniert hat. Es ist ein sehr grausames Märchen, überhaupt nichts für Kinder. Vermutlich aber fand ich es genau deswegen so faszinierend. Ich spreche übrigens kein Plattdeutsch, aber verstehen kann ich es ausreichend.

HBK: Machandel ist wie der Verlag Torsten Low ein Kleinverlag. Doch anders als bei Low hast du ein deutlich gemischteres Programm. Wie kam das zustande und wird das so weitergehen?

Teil III der Krimireihe von Rita Janaczek

Teil III der Krimireihe von Rita Janaczek

CE: Das Programm ist wirklich ein ziemlicher Gemischtwarenladen. Das hat seinen Grund im Ursprung des Verlages. Bevor es den Verlag gab, habe ich Bücher repariert und gebunden. Aus dieser Zeit stammt mein Faible für Künstlerbücher und Miniaturbücher. Dann habe ich anlässlich einer Ausstellung mit alten Fotos in meiner Heimatstadt mein erstes Buch verlegt,  „Haselünner Frauen“, und dazu zwecks sauberer Abgrenzung von der Apotheke den Verlag gegründet. Daraus wuchs die zweite Sparte, Lokalhistorie. Aus meiner Vereinsarbeit im örtlichen Mütterzentrum entstand danach das erste Kinderbuch. Und dort traf ich auch auf  Rita Janaczek, die ihren ersten Krimi von mir verlegen lassen wollte.

Die Fantasy kam anlässlich der Pleite des Intrag-Verlages dazu, wo ich eine Geschichte veröffentlichen wollte und plötzlich eine Autorin ohne Verlag war. Auf der Suche nach Leidensgenossen stieß ich auf den Tintenzirkel. Und bereits nach kurzer Zeit wurde mir klar, dass Fantasyromane meine Lieblings-Verlagsbücher werden würden. Kunststück, bei so vielen fähigen Autoren, auf die ich da gestoßen war!

In der Zukunft wird der Schwerpunkt des Verlages daher sehr viel eindeutiger bei der Fantasy liegen.

HBK: Wie andere Kleinverleger auch hast du einen Brotjob und Familie. Gleichzeitig weiß ich, dass du auch noch selbst schreibst und im Tintenzirkel aktiv bist. Wie schaffst du es, das alles unter einen Hut zu bringen? Denn soweit ich weiß, ist Machandel bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Korrektorat) ein Ein-Frau-Betrieb.
CE: Hm, ja, Multitasking? Sollen wir Frauen ja können. Ich vermute aber, es liegt eher daran, dass ich unheimlich schnell lesen kann, eine blühende Fantasie habe und abends sehr lange auf bin. Nachteule von Beruf, sozusagen. Zudem sind da noch die bei uns relativ ruhigen Nachtdienste, die sich ideal für Lektoratsarbeit eignen.

HBK: Du machst – vermutlich aus Kostengründen –  den Großteil der Cover selbst. Was sagst du zu den Kritiken, die hier und da hochkommen, dass diese hässlich wären bzw. unprofessionell?
CE: Was soll ich dazu sagen? Kostengründe stimmt natürlich – klar, ich bin keine Künstlerin im klassischen Sinn, es gibt sicher dutzende von Leuten, die das viel, viel besser können als ich. Nur dass ich sie als Kleinverlag einfach nicht bezahlen kann. Und diejenigen, die ich bezahlen kann, da möchte ich mal behaupten, dass ich in vielen Fällen genauso gut bin wie die. Immerhin verkaufe ich (meist unter anderem Namen) bei mehreren internationalen Stockphoto-Agenturen Fotos und Vektorgrafiken. Ganz so unprofessionell sind meine Bilder dann wahrscheinlich doch nicht.

Hässlich – nun ja, Geschmäcker sind verschieden. Ich kann mit den Bildern leben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Abgesehen davon sieht ein Verlag nicht unbedingt primär auf Schönheit des Titelbildes, sondern darauf, dass es eine bestimmte Stimmung verkauft, relativ Genre-typisch ist und möglichst bei Amazon als Thumbnail noch etwas erkennen lässt.

Wenn die Leser das geändert haben möchten, gibt es eine ganz einfache Lösung: Kauft ganz viele Bücher aus meinem Verlag! Dann kann ich mir auch professionelle Künstler leisten!

HBK: Sehr gute Einstellung! 😉 Seit einigen Jahren erscheint einmal jährlich eine Märchen Anthologie bei dir. Wie bist du darauf gekommen? Und warum ausgerechnet Märchen? Wie lange soll die Reihe noch gehen? Grimm, Andersen und in diesem Jahr Möbius sind abgedeckt. Nächstes Jahr sollen russische Märchen erscheinen. Was kommt als nächstes?

Anthologie Andersens Märchen Update 1.1

Anthologie Andersens Märchen Update 1.1

CE: Die Märchen-Reihe wird mindestens ein Dutzend Bücher umfassen. Sie ist so konzipiert, dass immer abwechselnd eine deutsche bzw. eine Märchensammlung anderer Nationen als Vorlage dient. Aus dieser Vorlage werden dann von verschiedenen Autoren moderne Kurzgeschichten geschrieben. Märchen als Krimis, Märchen als Fantasy, Märchen als reale Lebensgeschichten, Fortsetzungen bekannter Märchen, Märchen mit alternativen Enden usw. Bislang haben wir Grimm – deutsch, Andersen – dänisch, Musäus – deutsch, in Arbeit sind russische Volksmärchen, danach kommt wieder eine deutsche Märchensammlung, außerdem liebäugele ich noch mit lateinamerikanischen Märchen, japanischen Märchen, irischen Märchen … Ich hoffe auf eine bunte, interessante Märchenreihe.

HBK: Du bekommst sicher sehr viele Manuskripte unaufgefordert eingereicht; und ich weiß, dass du (abgesehen von Bestandsautoren) derzeit einen Annahmestopp hast. Aber womit könnte dich dennoch ein Autor überzeugen, dass du eine Ausnahme machst?
CE: Ein bisschen Magie reicht schon. 🙂

Um genau zu sein, besagter Autor sollte Fantasy oder Krimis schreiben, die gut genug sind, um mich auf Anhieb zu fesseln. Wenn ich ein Manuskript in zwei oder drei Abenden durchlese (manchmal auch an einem Abend), weil ich einfach wissen will, wie es weitergeht, dann hat der Autor mich geködert, dann möchte ich es unbedingt verlegen. Es ist also ein rein persönliches Kriterium. Die Geschichte muss mir nur wirklich gut gefallen.

HBK: Verrate mir doch mal, ohne Namen zu nennen, wie die schlimmste Bewerbung aussah. Du hast da sicher schon so einiges erlebt, oder?
CE: Allerdings. Die schlimmste Bewerbung war ein heftig erotischer Text in beinahe Gossenniveau auf einem Papier, dass so intensiv nach Qualm roch, dass ich das Gefühl hatte, in einer verräucherten Kneipe zu sitzen.

HBK: Urgs, wirklich eine unappetitliche Vorstellung. :S Wenn du könntest, welchen Autor würdest du gerne unter Vertrag nehmen und warum?
CE: Kim Harrison. Ihre „The Hollows“-Serie (Urban Fantasy) mit Hexen, Vampiren, Werwölfen, Dämonen und bösartigen Elfen finde ich überaus reizvoll und sehr gut im Weltenbau. Zudem ist sie spannend und hat ständig neue Entwicklungen zu bieten, also genau das, was ich mag.

HBK: Der Machandel Verlag feiert dieses Jahr sein 10-jähriges Jubiläum. Teil doch deine schönsten und deine schlimmsten Momente in ein paar Sätzen mit uns.
CE: Schlimmste Momente gibt es viele. Und zwar meist, wenn ich merke, dass ich aus irgendwelchen Gründen meinen Zeitplan nicht schaffe. Ich habe dann immer das Gefühl, meine Autoren schwer zu enttäuschen.

Meine schönsten Momente: Das sind klar die zwei Male, die ich bereits einen Verlagsstand auf der Leipziger Messe hatte – Buchmessen sind zwar ordentlich Arbeit, machen aber total Spaß –, und natürlich jener erste Monat mit „Höllenjob für einen Dämon“, als das Buch sich verkaufte und verkaufte und verkaufte und ich genauso fassungslos wie du, Helen, auf die Verkaufszahlen starrte. [Anm. der Redaktion: Ich habe Charlotte nicht für diese Aussage bezahlt. Ehrlich nicht! 🙂 ]

HBK: Und weil ich ganz schrecklich neugierig bin: Welches Buch kommt als nächstes bei Machandel heraus?
CE: Welche Sparte? 🙂

In der Abteilung Geschichte beispielsweise wartet ein Tagebuch aus dem ersten Weltkrieg auf sein Erscheinen, und auch ein Krimi und ein Sachbuch sind kurz vor der Fertigstellung.

Aber deine Leser interessieren sich sicher mehr dafür, welches Fantasy-Buch als nächstes herauskommt. Der Silberwolf, ein Jugend-Fantasybuch oder All-Ager, ist mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit das nächste Buch.

HBK: Liebe Charlotte, auch für mich waren da ein paar neue Erkenntnisse unter deinen Antworten und es hat mich außerordentlich gefreut, dich mit Fragen löchern zu dürfen. Jetzt darfst du gerne noch ein paar Worte direkt an meine Leser richten oder auch ganz schamlos Werbung machen.
CE: Dann möchte ich allen deinen Lesern sagen, dass sie spätestens im Oktober unbedingt auf unsere Webseite kommen sollen. Bis dahin werden nicht nur unsere Neuerscheinungen für dieses Jahr fast alle erschienen sein (mit Ausnahme der Märchen-Anthologie, die Anfang Dezember erscheinen soll), sondern es werden voraussichtlich auch alle unsere Fantasy-Titel komplett als Ebooks online sein, sowohl bei Amazon als auch im iBookstore, bei Thalia, Weltbild, txtr usw., also in allen wichtigen Ebook-Formaten und Shops. Die ersten Titel bieten wir jetzt schon in mehreren Shops an, alle sauber von der Verlagswebseite aus verlinkt.

Von links nach rechts: Tina Alba: Nachtjägerherz Horst Berger: Bennis Schwur D. Fries: Chroniken des LIchts 2 Angelika Diehm: Das grüne Tuch

Von links nach rechts:
Tina Alba: Nachtjägerherz
Horst Berger: Bennis Schwur
D. Fries: Chroniken des Lichts 2: Und der Spaß geht in Venedig weiter
Angelika Diehm: Vollstrecker der Königin – Das grüne Tuch

Ich wünsche allen unseren Lesern, dass sie an den Büchern, egal ob gedruckt oder elektronisch, genauso viel Spaß haben werden wie ich!

P.S.: Ebooks eignen sich perfekt für die Urlaubslektüre – und gedruckte Bücher sind nicht nur schön für das eigene Regal, sondern auch gute Geschenke!

3 Gedanken zu „Interview: Charlotte Erpenbeck (Machandel Verlag)

  1. Horst Berger

    Hallo Helen B.
    Ein schönes und informatives Interview hast du da erstellt. Gratuliere! Es ist dir gelungen, Charlotte Erpenbeck hinter der Verlegerin und gestrengen Lektorin, wie sie für mich bisher sichtbar war, hervorzulocken.
    Ich kenne sie ja nur von Bildern, einem kleinen Film – der mich beeindruckt hat – und von ihren e-mails, die immer sachlich und ohne jede Aufgeregtheit sind.
    Viele Antworten, die sie hier gibt, kenn ich bereits, weil ich mich etwas intensiver über den Machandel Verlag informiert habe. Und schnell ist mir aufgefallen, dass sie zu allen Fragen wahre und ungeschminkte Antworten gibt. Das ist eher selten der Fall, wenn man versucht, mit Verlagen in Kontakt zu kommen; vor allem als Anfänger.
    Dass Charlotte Erpenbeck eine Büchernärrin ist, hab ich schon vermutet, dass sie mit Katzen befreundet ist, akzeptier ich, aber dass sie Giftpflanzen sammelt, lässt mir einen leichten Schauer, gemischt aus Neugierde und Grusel über den Rücken laufen. Und deshalb werde ich, sollte ich jemals bei ihr zu Gast sein, und von ihr ein Getränk angeboten bekommen, ganz beiläufig fragen, um was für einen Kräutertee es sich handelt.
    Nix für ungut und herzliche Grüße aus Rosenheim

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    1. Helen B. Kraft Beitragsautor

      Ich durfte schon Selbstgebrautes von Charlotte trinken und lebe noch, also keine Angst, Horst. 😉

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