Schlagwort-Archive: Vermittlung

Freud und Leid: Ich bin keine Agentur!

Erfolg schafft Neider. Das stimmt. Aber Erfolg, egal wie minimal er sein mag, schafft noch mehr. Er lockt jene aus ihren Löchern, die gerne einen kleinen Happen abhaben möchten, und sei es nur, indem man ihnen ein Vorstellungsgespräch verschafft. Vitamin B sozusagen. Wobei Vorstellungsgespräch trifft es da noch nicht einmal. Aber der Reihe nach, ich will euch ja nicht verwirren, sondern all jenen da draußen, die meinen, ich müsse unbedingt ihr Buch lesen und einem der Verlage, für die ich schreibe, weiterempfehlen, sagen: Ich bin keine Agentur!
Ich bin Autorin. Ob nun erfolgreich oder nicht, sei dahingestellt. Mein Name ist momentan noch nicht so bekannt, wie ich es mir wünschen würde, aber offenbar kennen ihn all diejenigen, die ich nicht unbedingt kennen möchte.
Es fing eigentlich ganz harmlos an. Eine alte Bekannte besuchte mich und fragte: Hey, du hast doch früher so viel geschrieben, machst du das heute noch? Ich bejahte und teilte ihr mit, dass inzwischen zwei Bücher und eine Anthologie sowie ein paar einzelne Kurzgeschichten veröffentlicht wurden. Die Bekannte war sofort Feuer und Flamme, sie wolle das Buch unbedingt haben. Okay, dachte ich mir, bei so viel Enthusiasmus von jemandem, der eigentlich dafür bekannt war, lesen zu hassen, werde ich einfach hellhörig. Dennoch nahm ich eines der letzten Exemplare des ersten Bandes und reichte es ihr, damit sie den Klappentext lesen konnte. Ich will ja niemandem mein Buch aufdrängen, noch herrscht in unserem Land ja Meinungs- und Entscheidungsfreiheit.
Wie erwartet landete das Buch unbesehen auf dem Tisch und meine Bekannte starrte mich entzückt an. Lange bevor sie den Mund öffnete, ahnte ich schon, was folgen würde, wartete aber geduldig mit der vagen Hoffnung, dass sie vielleicht einfach von mir persönlich hören wollte, worum es im Roman ging. (Jaja, ich weiß, Hoffnung ist so ein lästiges Ding, es lässt sich irgendwie nicht ausmerzen.)
Nur einen Schluck Kaffee später starb die Hoffnung einen ihrer vielen Heldentode: Meine Bekannte habe einen Freund der so toll schriebe, ob ich nicht …
Ich verneinte, zugegeben, ohne sie aussprechen zu lassen. Trotzdem blieb ich ruhig. Ehrlich! Ich ließ mir nicht anmerken, dass mich das Verhalten störte. Für den Moment schien es auch, als akzeptiere sie die Antwort. Doch im weiteren Verlauf unserer Unterhaltung fielen dann immer wieder seltsame Kommentare, die ich nicht zuordnen konnte. Also fragte ich nach. (Kleiner Tipp: Fragt niemals nach, ihr bereut es. Versprochen!)
Ein wenig schnippischer im Tonfall bekam ich zur Antwort, sie dürfe nicht darüber sprechen. Immerhin ginge es dabei um Urheberrechte. (Öh, ja klar, hätte ich ja selbst drauf kommen können.)
Schließlich rückte sie mit der Sprache raus, der Roman sei ja schließlich von ihrem Freund und der möchte nicht, dass Details bekannt würden, ehe das Buch erschienen ist. Ihr Gesicht wurde ein wenig länger, als ich daraufhin zuckersüß fragte, ob es denn schon einen Vertrag gäbe, dann könne ich mir das Buch ja vormerken und ggf. später kaufen und selbst nachlesen.
Ihr könnt euch die Antwort sicher denken. Es gab keinen Verlag, nur ein ominöses Manuskript, dass ich doch bitte lesen möge, um dann eine glühende Empfehlung an den Verlag, bei dem ich unter Vertrag bin, zu schicken.
Behutsam, ich wollte ihre Gefühle nicht noch mehr verletzen, versuchte ich ihr zu erklären, dass es dazu nie kommen würde, weil ich keine Zeit habe, anderer Leute Manuskripte zu lesen, schon gar nicht, wenn ich diese „Autoren“ nicht einmal persönlich kenne oder überhaupt weiß, worum es im Manuskript geht.
Ja, ich bin Betaleser für befreundete Autoren. Ja, ich lese auch auf Korrekturen und wenn mir die Bücher gefallen, schlage ich den besagten Personen vor, sie sollen sich mal bei einem Verlag bewerben. Aber: Ich vermittele keine Manuskripte. Ich bin keine Agentur.
Keine Chance. Das Buch sei ein Beststeller. Die großen Verlage würden sich darum reißen. Warum, so ich, es dann noch keinen Verlag hätte? Tja, es mangele halt an Vitamin B und nur deshalb hätte ja auch ich überhaupt einen Vertrag bekommen.
Zugegeben, bei solchen Behauptungen knirschte meine Hutschnur ganz gewaltig. Ich erklärte meiner Bekannten, dass ich selbst „nur“ Kleinstverlagsautorin bin und mir meinen vermeintlichen Erfolg mühsam erarbeitet habe. Niemand half mir dabei. Die Klinken, die ich putzen musste, waren zahlreich. Außerdem teilte ich ihr mit, dass bei Kleinverlagen keine Millionenbeträge zu erwarten seien. Da müsse man schon realistisch bleiben. Auch, dass es generell schwierig sei, als Neuling bei großen Verlagen unterzukommen ohne Verlagsagentur, die sich den Vermittlungsservice im Übrigen bezahlen lassen.  (Okay, ich gebe es zu: Ich ließ durchblicken, dass ich ebenfalls etwas vom Kuchen abhaben will, sollte sie nicht langsam Ruhe geben.)
Bis dahin knirschte die Bekannte zwar mit den Zähnen, versuchte es aber stetig weiter. (Ihr kennt doch Mücken, die ständig um einen herumfliegen? Das Gefühl ist ähnlich!)
Also beschloss ich härtere Bandagen aufzuziehen und beschwor den Moment meines  Untergangs herbei, indem ich sagte, dass nicht jeder, der schreiben kann, auch schreiben kann.
Die Raumtemperatur sank bei dieser Aussage gen Gefrierpunkt, und während ich mich schon nach einem wärmenden Pullover umblickte, bechloss die Bekannte, das es Zeit wäre zu gehen. Ein paar Floskeln, ein lockeres Versprächen das Gnaze „irgendwann wieder zu wiederholen“, während gleichzeitig im Tonfall mitschwang: Du hast es geschafft und gönnst niemand anderem einen Erfolg. (Ja, klar. Ich bin ein Egomane auf zwei Beinen.)
Obschon ich die Bekannte so schnell nicht mehr wiedersehen werde, fand ich ihr Verhalten so unmöglich, dass ich beschloss ihr künftig weitestgehend aus dem Weg zu gehen. Mit Erfolg.
Bis mich kürzlich der Nächste ansprach: Du, ich habe da einen Nachbarn, der schreibt. Könntest du nicht mal …?
Auf der einen Seite schmeichelt es meinem Ego natürlich, dass diese Leute denken, ich hätte tatsächlich so viel Einfluss und Erfolg, wenngleich ich „nur“ Kleinstverlagsautorin bin. Auf der anderen Seite fühle ich mich belästigt. Ich habe mich doch auch selbst um alles gekümmert. Habe mir die Finger blutig geschrieben mit Bewerbungen an Agenturen und Verlage. Ich musste mir mit Schnaps und guten Zureden selbst begreiflich machen, dass ich keine J.K. Rowlings bin, sonst würden sich die Verlage ja um mich reißen und nicht umgekehrt. Doch das wollen diese wohlmeinenden Helfer anderer Autoren nicht hören.
Für sie bin ich eine Verräterin an der Sache. Ich müsse kooperieren, damit junge aufstrebende Autoren einen Weg nach ganz oben fänden. Ja, nun, da will ich ja selbst gerne hin.
Mal ehrlich:
Ich vermittele auch keine Freunde in meine Firma, weil ich dann an deren Leistung gemessen werde. Was gleichbedeutend damit ist, dass ich den Kopf hinhalte, baut derjenige Mist. Dazu sage ich: Nein, danke!
Vielen dieser aufstrebenden Autoren ist gar nicht klar, dass man nicht einfach ein Buch schreibt und es wird einem aus der Hand gerissen. Da steckt viel Arbeit dahinter. Und Eigenmarketing! Was, wenn ich eine Leseprobe erhalte, sie gut finde und eine Empfehlung an den Verlag abgebe und dann ist das Buch nicht fertig und wird es auch nie? Oder es floppt? In beiden Fällen wird es immer auf mich zurückfallen und soweit lehne ich mich nicht aus dem Fenster – ganz abgesehen davon, dass ich gar keinen solchen Einfluss auf die Verlage habe, bei denen ich schreibe.
Ich gebe gerne Tipps zu Bewerbungen, Exposés und Anschreiben. Ich sage auch, sofern ich das Genre des Manuskripts kenne, bei welchen Verlagen man es versuchen könnte oder wo es gar nicht passt. All das, solange sich diese Art der Beratung im Rahmen hält und ich keinen stundenlangen Unterricht dafür halten muss.
Aber ich gebe keine Empfehlung an einen Verlag weiter. Punkt. Aus. Ende.
Nicht einmal, wenn mich das Manuskript aus den Socken hauen würde. Ich bin keine Agentur und wäre ich es, tja, Leute, ich sag nur 20-25{7e4bd455ae0cc9ef24be31f29fe3fd810d1aacafa1ce8ef7f75192d18d2b2fae} Provision. 😛